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* Mittwoch, den 7. Januar 2009

Zizenhausen als Hauptgewinn

Kurt Schmid hat Geschichten aus der Geschichte ent

Stockach-Zizenhausen (sw). Ein Zug kommt mit vier Wagen in Zizenhausen an und verlässt den Ort mit nur noch drei Waggons. Die Einwohner des Stockacher Ortsteils, so wird in der Umgebung gelästert, haben keinen allzu großen Respekt vor fremdem Eigentum. Ein Vorurteil, das einen Grund haben muss. Und diesen Grund wollte Kurt Schmid ermitteln. Darum arbeitet der pensionierte Techniker seit zehn Jahren an einer Chronik über die Geschichte von Zizenhausen, die im Herbst auf den Markt kommt. 400 Seiten soll das Druckwerk stark sein, Inhalte sind auch die ehemaligen Grundherren, die Entwicklung des Schmelz- und Hammerwerks und die Firma Straehl. Dafür hat sich Kurt Schmid tief in die Vergangenheit von Zizenhausen hinein gewühlt. Zunächst bildlich. 1996, erzählt der rüstige 79-Jährige, hat er eine Fotoausstellung zum Thema "Zizenhausen, wie es war" bestückt, und der Laudator meinte bei der Eröffnung, dass aus diesem Ansatz noch mehr gemacht werden könnte. Doch ein Bildband wäre zu teuer gekommen, daher begann Kurt Schmid mit der Arbeit an der Chronik. Durch die Ausstellung hatte er Kontakte zu Heimatforschern geknüpft, die ihm Wäschekörbe voller Material zur Verfügung stellten. Das hat er durchforstet. Auch weil er eine Antwort auf die Frage haben wollte: Warum nur sind die Einwohner von Zizenhausen mit diesen Vorurteilen behaftet? Antworten hat er gefunden. Zizenhausen war im 19. Jahrhundert die ärmste Gemeinde im gesamten Großherzogtum Baden gewesen. Die Gemarkung war klein, es gab kaum Landwirtschaft, die Einwohner konnten sich nicht selbst ernähren. Die Napoleonischen Kriege hatten den Ort ausgeblutet. Vom 3. März 1800 bis 7. März 1901 waren beispielsweise 19 Offiziere, 763 Männer, 95 Pferde und 57 Vierspänner der französischen Armee von Napoleon Bonaparte in Zizenhausen einquartiert. Ein Wahnsinn, denn Zizenhausen hatte um 1808 nur 799 Einwohner. Aber immerhin, sagt Kurt Schmid mit dem Schalk im Nacken, lebten hier mehr Menschen als in Stockach, das damals nur auf 722 Bewohner kam. Trotzdem. Die Menschen in Zizenhausen waren arm und mussten ums Überleben kämpfen. Frauen aus dem Ort gingen sogar bis Lindau, um Almosen zu erbitten. Aus dieser bitteren Zeit, meint der Chronist, stammt das Vorurteil. Besser wurde es erst als die Industrialisierung einsetzte. Die Firma Straehl, eine mechanische Weberei, Zwirnerei, Färberei und Näherei, sorgte bis zur Schließung 1973 für Arbeitsplätze. Überhaupt hat es Zizenhausen in sich, hat Kurt Schmid herausgefunden. Er hat viele Geschichten aus der Geschichte zusammengetragen. 1771 hatte Carl Anton von Crafft den Ort von Maria Carolina Baronin von Sokolowsky gekauft - für 13.000 Gulden, nach heutigem Kaufwert etwa zwei Millionen Euro. Der neue Chef im Ort war ein streitbarer Mann, der beim württembergischen König in Ungnade fiel. Obwohl ihm keine Untaten nachgewiesen werden konnte, war er insgesamt 149 Tage auf der Festung Hohenasperg eingesperrt. Keine angenehme Zeit. Unter seiner Zelle war ein Schweinestall, über seiner Zelle verrichteten die Leute ihre Notdurft. Da bat der Gefangene um eine Stunde Hofgang, um dem Mief zu entkommen. Das wurde gewährt. Charakter muss der Grundbesitzer auch gehabt haben. Als er zum zweiten Mal verhaftet werden sollte, kam es in Zizenhausen zum Volksaufstand. Gebracht hat es wenig. Carl Anton von Crafft landete wieder auf dem Hohenasperg. Er war überhaupt ziemlich abgebrannt. Seine maroden Finanzen wollte er durch eine Lotterie wieder in Schwung bringen, der Hauptgewinn sollte das Zizenhauser Schloss sein. Die Obrigkeit machte ihm einen Strich durch die Rechnung und sagte "nein" zum Glücksspiel. Schillerndes hat Kurt Schmid aus der Vergangenheit ausgegraben. Der letzte Nachkomme der Familie Crafft, Dr. Rainer Krafft-Ebing, hat das gesamte Archiv seiner Familie Anfang 2008 nach Stockach gebracht und die Papiere dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt, freut sich Kurt Schmid. Er hat viel Stoff, den er zwischen zwei Buchdeckel pressen muss.

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